Der Cost-Average-Effekt ist die Antwort vieler Anleger auf eine unbequeme Wahrheit: Den perfekten Zeitpunkt für einen Kauf trifft fast niemand. Um zu verstehen, warum das so ist, fange ich bei den Märkten selbst an.
Märkte atmen
Wenn du eine Anlage bewerten und den idealen Zeitpunkt für Kauf oder Verkauf erkennen willst, musst du zuerst verstehen, dass der Markt immer in Zyklen arbeitet. Das gilt für jeden Markt: für Kryptowährungen genauso wie für Immobilien, Aktien oder Luxusuhren.
Märkte atmen. Wenn du einatmest, füllen sich Lunge und Bauch mit Luft, und dein Brustkorb hebt sich. Wenn du ausatmest, geht die Luft wieder raus, und dein Brustkorb sinkt. Zu schnelle Anstiege und zu schnelle Rückgänge korrigiert der Markt meist wieder. Bei einer soliden Anlage folgt auf einen Kursverlust mit der Zeit oft wieder ein Anstieg und auf jeden Anstieg irgendwann wieder ein vorübergehender Rückgang.
Das ist ganz normal. Es kann nicht immer nur nach oben gehen. Irgendwann wollen Anleger ihre Gewinne realisieren und verkaufen. Dann kommt mehr Angebot auf den Markt, und der Preis fällt.
Gleichzeitig kann eine solide Anlage auch nicht immer nur fallen. Irgendwann ist der Preis so niedrig, dass Anleger zum Tiefpreis einsteigen wollen. Einstiegs- und Ausstiegszeitpunkte kommen immer wieder. Wie diese Wellen mit dem Auf und Ab der Wirtschaft zusammenhängen, erkläre ich im Artikel zum Konjunkturzyklus.
Achte darauf, dass du nicht aus Panik oder aus Angst, etwas zu verpassen, hektische Entscheidungen triffst. Das Gefühl, eine Gelegenheit zu verpassen, heißt auch FOMO, kurz für „Fear of missing out“. FOMO ist dein Feind. Lass dich davon nicht steuern. Bleib sachlich und bewerte die Fakten.
Antizyklisch handeln: gegen den Strom
Wer im Leben erfolgreich sein will, muss gegen den Strom schwimmen. Wenn du tust, was alle tun, bekommst du die Ergebnisse, die alle bekommen. Und diese Ergebnisse sind meistens mittelmäßig bis schlecht. Wer ein Unternehmen startet und sich nicht von der Konkurrenz abhebt, gewinnt kaum Kunden, und der Alltag wird zäh.
Als Anleger ist es ähnlich. Wenn du kaufst, während alle aufgeregt sind und glauben, dass es immer weiter nach oben geht, verlierst du wahrscheinlich zumindest kurzfristig Geld. Denn nach jedem Aufschwung fallen die Märkte irgendwann auch wieder, zumindest vorübergehend. Antizyklisch handeln heißt deshalb: investieren, wenn die meisten Panik haben, und verkaufen, wenn alle sehr gierig sind.
Der Fear and Greed Index
Ein Indikator, der dir hilft, diese Stimmung einzuschätzen, ist der „Fear and Greed Index“. Er stuft die aktuelle Stimmung zwischen Angst (Fear) und Gier (Greed) ein, auf einer Skala von 0 bis 100. Bei 0 herrscht extreme Angst, bei 100 extreme Gier.
Es gibt ihn in zwei bekannten Varianten. Der Index des US-Senders CNN misst die Stimmung am US-Aktienmarkt. Er fasst sieben Marktindikatoren zusammen und gewichtet sie gleich, darunter das Kursmomentum des S&P 500, die Nachfrage nach Ramschanleihen und die Flucht in sichere Staatsanleihen (CNN). Einer der sieben Bausteine ist der VIX, das Angstbarometer der US-Börse. Was er misst und wo er gerade steht, zeige ich auf der Seite zum VIX.
Für den Kryptomarkt gibt es eine eigene Variante. Sie bezieht sich auf Bitcoin und wertet unter anderem Kursschwankungen, Handelsvolumen, Beiträge in sozialen Medien und Suchanfragen aus (Alternative.me).
Mit beiden Varianten siehst du die Stimmung am Markt auf einen Blick. Ein Kaufsignal ist der Index aber nicht. Extreme Angst kann noch extremer werden, und Gier kann lange anhalten.
Perfektes Timing funktioniert nicht
Statistisch gesehen ist es so gut wie unmöglich, den Ein- oder Ausstiegszeitpunkt perfekt zu treffen. Das heißt nicht, dass du es nicht versuchen darfst. Sei aber nicht sauer auf dich, wenn es nicht klappt. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist sehr, sehr gering. Ich würde mir nicht das Ziel setzen, immer goldrichtig zu liegen.
Statt den perfekten Tag zu suchen, schaue ich auf die allgemeine Wirtschaft und den Markt. Dann überlege ich, ob gerade eher eine euphorische oder eine negative Stimmung herrscht. In einer negativen Stimmung sind Anlagen oft besonders interessant, weil sie dann weniger kosten, als sie wert sind. Das ist, als könntest du einen Luxus-Sportwagen zum Preis eines Motorrollers kaufen.
Die Schwierigkeit liegt darin, einzuschätzen, in welcher Phase wir uns wirklich befinden. Auch eine euphorische Phase kann erst der Anfang einer noch euphorischeren Phase sein. Und eine negative Phase kann der Anfang weiterer Kursverluste sein. Aus diesem Grund investieren viele Anleger einfach in regelmäßigen Abständen. Breit gestreute Märkte sind historisch betrachtet mit der Zeit meist gewachsen. Eine Garantie für die Zukunft ist das nicht.
Der Cost-Average-Effekt: regelmäßig kaufen statt Zeitpunkt raten
Der Cost-Average-Effekt, auf Deutsch Durchschnittskosteneffekt und im Englischen „Dollar-Cost-Averaging“, beschreibt, was passiert, wenn du eine Anlage regelmäßig in festen Zeitabständen nachkaufst. Weil niemand genau weiß, wie sich eine Anlage entwickelt, und perfektes Market-Timing auf Dauer unmöglich ist, investieren viele Anleger einfach eine feste Summe zu einem wiederkehrenden Termin.
So kaufst du manchmal zu teuer und manchmal zu günstig. Weil du für denselben Betrag bei niedrigen Kursen mehr Anteile bekommst und bei hohen Kursen weniger, liegt dein Durchschnittspreis am Ende unter dem Durchschnitt der Kurse. Ob du damit Vermögen aufbaust, hängt davon ab, wie sich die Anlage langfristig entwickelt.
Für viele Menschen, die mit ihrem Beruf oder ihrem Unternehmen ausgelastet sind und viel arbeiten, ist der regelmäßige Kauf eine solide Strategie. Damit der Effekt wirkt, investierst du etwa gleich hohe Beträge in gleichen Zeitabständen. Wie stark sich dabei die laufenden Kosten eines Fonds über viele Jahre auswirken, rechnest du im ETF-Sparplanrechner nach.
Ein Sparplan-Beispiel mit Zahlen
Das folgende Beispiel ist ausgedacht und stark vereinfacht. Du investierst sechs Monate lang jeweils 100 € in einen Fonds. Der Kurs fällt erst von 20 € auf 10 € und erholt sich dann wieder auf 20 €.
| Monat | Kurs | Anteile für 100 € |
|---|---|---|
| 1 | 20 € | 5,00 |
| 2 | 16 € | 6,25 |
| 3 | 10 € | 10,00 |
| 4 | 12 € | 8,33 |
| 5 | 16 € | 6,25 |
| 6 | 20 € | 5,00 |
Nach sechs Monaten hast du 600 € eingezahlt und rund 40,83 Anteile. Dein Durchschnittspreis liegt bei 600 € geteilt durch 40,83, also bei rund 14,69 € je Anteil. Der Durchschnitt der sechs Kurse liegt dagegen bei 15,67 €. Genau dieser Abstand ist der Cost-Average-Effekt. Zum Schluss sind deine Anteile beim Kurs von 20 € rund 816,67 € wert.
Hättest du die 600 € im ersten Monat auf einen Schlag investiert, hättest du 30 Anteile zu je 20 € bekommen. Am Ende wären sie wieder genau 600 € wert. In diesem Fall gewinnt der Sparplan deutlich.
Jetzt drehe ich das Beispiel um. Der Kurs steigt gleichmäßig von 20 € auf 25 €, jeden Monat um 1 €. Mit dem Sparplan kaufst du rund 26,82 Anteile, am Ende sind sie 670,55 € wert. Die Einmalanlage bringt 30 Anteile, die am Ende 750 € wert sind. Hier liegt die Einmalanlage vorn.
Im dritten Fall fällt der Kurs gleichmäßig von 20 € auf 10 €. Dann sind die Anteile aus dem Sparplan am Ende 422,82 € wert, die Einmalanlage nur noch 300 €. Der Sparplan verliert weniger, aber er verliert auch. Vor Verlusten schützt dich der Cost-Average-Effekt nicht.
Sparplan oder Einmalanlage: kein sicherer Vorteil
Der Cost-Average-Effekt klingt nach einem Trick, mit dem du immer günstiger kaufst. Gegenüber einer Einmalanlage bringt er aber keinen sicheren Vorteil. Die Fondsgesellschaft Vanguard hat 2023 historische und simulierte Marktdaten ausgewertet. Wer eine vorhandene Summe sofort investierte, lag in rund zwei Dritteln der Fälle vorn. Wer die Summe über einige Monate verteilte, schnitt aber meist besser ab, als das Geld ganz auf dem Konto liegen zu lassen (Vanguard).
Zu einem ähnlichen Ergebnis kamen die Finanzwissenschaftler Thomas Langer und Niels Nauhauser schon 2002 in einem Diskussionspapier der Universität Mannheim. Sie testeten den Effekt mit simulierten Kursen und echten Indexdaten, unter anderem mit dem DAX. Gemessen an erwarteter Rendite und Schwankung war das gleichmäßige Kaufen anderen Strategien unterlegen (Langer und Nauhauser).
Der Grund ist einfach. Laut der Vanguard-Studie schnitten US-Aktien zwischen 1976 und 2022 in 76 % der betrachteten Zeiträume besser ab als Geld auf dem Konto. Geld, das noch auf seinen Einsatz wartet, verpasst diese Rendite.
Für die meisten Sparer stellt sich die Frage so gar nicht. Wer jeden Monat aus seinem Einkommen spart, hat keine große Summe, die er auf einen Schlag anlegen könnte. Für ihn ist der Sparplan schlicht der Weg, das Geld zu investieren, sobald es da ist. Dazu kommt ein Vorteil, der in keiner Renditetabelle steht: Der Sparplan nimmt dir die Entscheidung ab, wann du kaufst. Damit schützt er dich vor dem Versuch, den perfekten Zeitpunkt zu erwischen.
Bärenmarkt und Bullenmarkt
Wenn du viel Zeit und Lust hast, kannst du dich natürlich auch tiefer mit dem Markt beschäftigen. Du kannst Makrotrends beobachten, politische Entwicklungen verfolgen und so besser einschätzen, ob wir uns eher in einem Bärenmarkt oder in einem Bullenmarkt befinden.
Im Bärenmarkt fallen die Kurse, an den Märkten herrscht Panik. Anleger verkaufen, weil sie Geld brauchen oder Angst vor der Zukunft haben. In solchen Phasen sind Anlagen oft besonders günstig zu haben. Dafür brauchst du Mut und Geld, auf das du länger verzichten kannst.
Im Bullenmarkt steigen die Kurse, alle sind gierig und kaufen immer mehr nach. Die Märkte boomen, und Anleger lassen ihre Gewinne laufen. Genau dann ist die Versuchung am größten, der Stimmung des Tages zu folgen. Ein fester Sparplan hilft dir, bei deiner Strategie zu bleiben, egal ob gerade Angst oder Gier regiert.