Der Notgroschen ist das Geld, das du bewusst nicht anlegst. Er bezahlt die kaputte Heizung, die Autoreparatur und die Monate, in denen kein Geld hereinkommt. Fehlt er, muss im Ernstfall dein Depot einspringen. Dann verkaufst du zu dem Kurs, der an diesem Tag gilt, auch wenn er tief steht. Deshalb steht der Notgroschen vor dem ersten Sparplan.
Die Faustregel: 3 bis 6 Monatsausgaben
Die Verbraucherzentrale nennt als Daumenregel einen Puffer von zwei bis drei Monatsgehältern auf einem Tagesgeldkonto. Amerikanische Verbraucherseiten rechnen in Lebenshaltungskosten. Die US-Brokeraufsicht FINRA nennt drei bis sechs Monate Lebenshaltungskosten und schreibt dazu, dass Menschen mit schwankendem Einkommen eher mehr brauchen. Die US-Einlagensicherung FDIC nennt ebenfalls drei bis sechs Monatsausgaben und macht die Höhe an Einkommen, Ausgaben und der Zahl der Personen im Haushalt fest.
Ich rechne mit Monatsausgaben, nicht mit Gehältern. Das Gehalt sagt nichts darüber, was du im Notfall bezahlen musst. Wer 4.000 € netto verdient und 2.500 € ausgibt, braucht für drei Monate 7.500 €, nicht 12.000 €. Wer trotzdem mit Gehältern rechnet, nimmt das Nettogehalt, denn davon lebst du.
Zu den Monatsausgaben zählen Miete oder Kreditrate, Nebenkosten, Versicherungen, Lebensmittel, Mobilität, Kinder und laufende Verträge. Nicht dazu zählen deine Sparrate und der nächste Urlaub. Am genauesten wird die Zahl, wenn du zwölf Monate Kontoauszüge addierst und durch zwölf teilst. Dann sind auch die Jahresbeiträge für Versicherungen und die Nebenkostenabrechnung drin.
Wie hoch der Notgroschen je nach Lebenslage ist
Die Faustregel ist ein Rahmen. Wo du darin landest, hängt davon ab, wer dich auffängt, wenn das Einkommen ausfällt.
| Lebenslage | Faustregel | Bei 2.500 € Monatsausgaben |
|---|---|---|
| Angestellt, ohne Kinder oder mit zwei Einkommen | 3 Monatsausgaben | 7.500 € |
| Familie mit einem Hauptverdiener | 6 Monatsausgaben | 15.000 € |
| Selbstständig oder Unternehmer | mindestens 6 Monatsausgaben | 15.000 € und mehr |
| Ruhestand mit laufender Rente | 3 Monatsausgaben | 7.500 € |
Angestellte
Angestellte haben zwei Netze. Bei Krankheit zahlt der Arbeitgeber bis zu sechs Wochen weiter, so steht es in § 3 EntgFG. Danach zahlt die Krankenkasse Krankengeld: 70 % des Regelentgelts, höchstens 90 % des Nettoarbeitsentgelts nach § 47 SGB V. Bei Jobverlust gibt es Arbeitslosengeld, 60 % des pauschalierten Nettoentgelts, mit Kind 67 % nach § 149 SGB III.
Der Notgroschen muss also nicht dein ganzes Einkommen ersetzen. Beim Arbeitslosengeld fehlen dir 33 bis 40 % des pauschalierten Nettos. Diese Lücke deckt der Notgroschen, dazu die Rechnungen, die genau in diesem Moment kommen. Deshalb setze ich hier 3 Monatsausgaben an.
Familien
Mit jeder Person im Haushalt wachsen die Ausgaben, die sich nicht kürzen lassen. Fällt das einzige oder das größere Einkommen weg, trifft es alle gleichzeitig. Wer ein Haus besitzt, bezahlt zudem jede Reparatur selbst. Hier setze ich 6 Monatsausgaben an, das obere Ende der Faustregel.
Selbstständige und Unternehmer
Bei dir fehlen beide Netze, solange du sie nicht selbst einrichtest. Kein Arbeitgeber zahlt bei Krankheit weiter. Krankengeld der gesetzlichen Kasse gibt es für hauptberuflich Selbstständige nur, wenn du es per Wahlerklärung einschließt, § 44 Abs. 2 SGB V. Die Arbeitslosenversicherung gibt es nur auf Antrag, spätestens drei Monate nach dem Start, ab 15 Stunden Arbeit pro Woche und mit einer Vorversicherungszeit, § 28a SGB III. Dazu schwanken die Einnahmen. Deshalb setze ich mindestens 6 Monatsausgaben an. Bringt ein einzelner Kunde einen großen Teil deines Umsatzes, plane mehr ein.
Als Unternehmer brauchst du drei getrennte Töpfe:
- Den privaten Notgroschen für deine privaten Monatsausgaben.
- Eine Reserve im Unternehmen für die Fixkosten. Die von der KfW unterstützte Gründerplattform stuft unter zwei Monate Fixkosten als zu knapp ein und ab vier Monaten als komfortabel.
- Die Steuerrücklage. Vorauszahlungen auf die Einkommensteuer sind am 10. März, 10. Juni, 10. September und 10. Dezember fällig, § 37 Abs. 1 EStG. Dieses Geld gehört dem Finanzamt und zählt nie zum Notgroschen.
Ruhestand
Die Rente kommt jeden Monat, ein Jobverlust ist kein Risiko mehr. Der Notgroschen deckt dann Reparaturen, Ersatzkäufe und Kosten rund um die Gesundheit. Dafür setze ich 3 Monatsausgaben an. Wer zusätzlich von einem Depot lebt, braucht einen zweiten, getrennten Puffer für die Entnahmen. Was dieser Puffer bringt, habe ich in Entnahmeplan im Ruhestand durchgerechnet.
Wohin mit dem Notgroschen
Der Notgroschen gehört auf ein eigenes Tagesgeldkonto. Tagesgeld kannst du laut Verbraucherzentrale jederzeit ohne Kündigungsfrist abrufen. Die Bank kann den Zins allerdings täglich ändern. Festgeld passt nicht, denn vor Ablauf der Laufzeit kommst du in der Regel nicht an dein Geld. Das Girokonto passt auch nicht, weil sich der Notgroschen dort mit dem Alltagsgeld mischt und unbemerkt schrumpft.
Wichtig ist die gesetzliche Einlagensicherung. Sie deckt 100.000 € je Einleger und je Bank. Alle Einlagen bei derselben Bank werden dafür zusammengerechnet, bei einem Gemeinschaftskonto gilt die Grenze für jeden Inhaber. Die Deckungssumme steht in § 8 EinSiG. Für bestimmte Einmalzahlungen, etwa den Erlös aus dem Verkauf einer privat genutzten Wohnimmobilie oder eine Abfindung, steigt sie dort bis sechs Monate nach der Gutschrift auf bis zu 500.000 €. Im Entschädigungsfall muss das Sicherungssystem spätestens sieben Arbeitstage nach der Feststellung durch die BaFin zahlen, § 14 EinSiG. In der EU gilt dieselbe Grenze von 100.000 € je Einleger und Bank. Ein Notgroschen in der Größe der Beispiele hier liegt weit darunter.
Zinsen auf den Notgroschen sind Kapitalerträge. Bis zum Sparer-Pauschbetrag von 1.000 €, für zusammen veranlagte Ehepaare 2.000 €, bleiben sie steuerfrei, § 20 Abs. 9 EStG. Damit die Bank das berücksichtigt, brauchst du einen Freistellungsauftrag. Wie du ihn auf mehrere Banken aufteilst, steht in Freistellungsauftrag verteilen.
Einen kleinen Teil darfst du bar zu Hause halten. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz rät, Bargeld verfügbar zu haben, weil bei Stromausfall auch die Geldautomaten ausfallen. Einen Betrag nennt es nicht. Für Vorräte nennt es als Ziel, dass du dich möglichst zehn Tage selbst versorgen kannst. Ich leite daraus ab: Bargeld für etwa zehn Tage Einkäufe zu Hause, der Rest auf dem Konto mit Einlagensicherung.
Warum der Notgroschen nicht in Aktien gehört
Aktien schwanken. Das allein wäre kein Problem, wenn Notfälle nur in guten Börsenjahren kämen. Sie kommen aber, wann sie wollen. Im Abschwung sinken Nachfrage und Investitionen, Unternehmen fahren die Produktion zurück und stellen weniger ein. Wie diese Phasen ablaufen, steht in Konjunkturzyklus. Wer gerade dann Geld braucht und es nur im Depot hat, verkauft zum aktuellen Kurs, egal wie tief er steht. Einen solchen Verlust holst du nicht mehr auf, weil die verkauften Anteile weg sind.
Ein durchgerechnetes Beispiel
Ich nehme zwei Selbstständige, A und B. Beide haben 2.500 € private Monatsausgaben und sparen 1.000 € im Monat.
A baut zuerst den Notgroschen auf: 6 mal 2.500 € ergibt 15.000 €. Bei 1.000 € im Monat dauert das 15 Monate. Danach fließen die 1.000 € in einen Sparplan. Nach weiteren 15 Monaten hat A 15.000 € auf dem Tagesgeldkonto und 15.000 € im Depot.
B investiert vom ersten Monat an alles. Nach 30 Monaten liegen 30.000 € im Depot.
Jetzt fallen die Kurse um 30 %. Gleichzeitig bleiben drei Monate Einnahmen aus, es fehlen 7.500 €. Damit der Effekt sichtbar bleibt, lasse ich Steuern, Kosten und Zinsen weg und unterstelle, dass alle Anteile zum selben Kurs gekauft wurden.
A zahlt die 7.500 € vom Tagesgeldkonto. Dort bleiben 7.500 €. Das Depot steht bei 10.500 € und bleibt unangetastet.
B muss verkaufen. Das Depot steht bei 21.000 €. B verkauft 7.500 €, das sind 35,7 % seiner Anteile. Übrig bleiben 13.500 €.
Angenommen, die Kurse erreichen später wieder den alten Stand. Dann steht das Depot von A wieder bei 15.000 €, zusammen mit dem Tagesgeld sind es 22.500 €. Bei B wachsen die 13.500 € auf 13.500 € geteilt durch 0,7, also 19.285,71 €. A liegt um 3.214,29 € vorn. Die Anteile, die B im Tief verkauft hat, wären nach der Erholung 10.714,29 € wert. Bekommen hat B dafür 7.500 €. Die Differenz von 3.214,29 € ist der Verlust, den der Verkauf festgeschrieben hat.
Die Gegenrechnung gehört dazu. Bleiben die Kurse gleich, haben beide 22.500 €. Steigen sie ohne Rückschlag, liegt B vorn, weil mehr Geld investiert war. Der Notgroschen kostet in guten Zeiten Rendite. Dafür musst du in schlechten Zeiten nicht verkaufen, solange er reicht.
Die Reihenfolge: erst der Notgroschen, dann investieren
- Teure Schulden zuerst. Ein überzogenes Girokonto oder ein Ratenkredit kostet Zinsen. Jeder Euro, den du tilgst, spart diese Zinsen sicher. Warum Schulden eine sichere Vergleichsrendite sind, erkläre ich in 20.000 Euro anlegen.
- Den Notgroschen auf ein eigenes Tagesgeldkonto. Bei 7.500 € Ziel und 500 € Sparrate dauert das 15 Monate.
- Danach die volle Sparrate in einen Sparplan. Was daraus über die Jahre werden kann und was die Kosten ausmachen, rechnest du im ETF-Sparplanrechner aus. Warum regelmäßige Käufe den richtigen Zeitpunkt ersetzen, steht in Cost-Average-Effekt.
- Greifst du den Notgroschen an, füllst du ihn zuerst wieder auf. In dieser Zeit fließt die Sparrate zurück aufs Tagesgeld.
- Einmal im Jahr prüfst du die Höhe. Ein Kind, der Schritt in die Selbstständigkeit oder der Ruhestand verschieben deine Faustregel.
Geld für Ausgaben, die du schon kennst, etwa ein neues Auto in zwei Jahren, ist kein Notgroschen. Es bekommt einen eigenen Topf neben dem Notgroschen. Alles darüber hinaus darf langfristig arbeiten.